Musikmagazin
Von Heintzmann zu Heinztmann –
der lange Marsch der Klaviere aus China
Die Gebrüder Heintzmann wanderten im 19. Jahrhundert von Deutschland nach Kanada aus. Sie waren tüchtige Handwerker, gründeten eine Klavierfabrik in Toronto und weil ihre Instrumente so gut waren und dem harten Klima ihres neuen Heimatlandes trotzten, blieb der Erfolg nicht aus. Leider währte er nicht für immer, denn Anfang der 1970er-Jahre musste Heintzmann die Werkstore für immer schließen, dennoch gibt es heute wieder Heintzmann- Klaviere, nun aber »made in China«.
Dunkle Machenschaften
Das ist an sich nichts Ungewöhnliches, dieses Schicksal teilen heute viele ehemals berühmte Marken, wie zum Beispiel Englands Traditionsmarke Broadwood & Sons (Beethoven spielte einst einen) oder Nordiska, Schwedens bevorzugter Musikzimmer-Ausrüster und königlicher Hoflieferant. Wenn aber chinesische Klavierhersteller, bekannt als notorische »Recycler« traditioneller Firmennamen von lange nicht mehr existierenden Pianofortefabriken, nicht einmal den von ihnen benutzten Markennamen richtig schreiben können, dann mag das zunächst an der unterschiedlichen Schriftkultur liegen. Dennoch ist es für mich geradezu ein Symbol für bestimmte Machenschaften in Teilen des heutigen Klaviergeschäfts.
Heizt-mann in China?
Ich habe es auf der amerikanischen Musikmesse im kalifornischen Anaheim letzte Woche gesehen, es stand da in großen goldenen Lettern: Heinztmann statt Heintzmann.
Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, ich möchte mich nicht über ein Missgeschick von Mitbewerbern lustig machen, ich würde als Deutscher bestimmt auch keine Messestandbeschriftung in fehlerfreiem Chinesisch zustande bringen. Aber die Weise, wie heute mit einst eigenständigen und selbstbewussten Marken umgegangen wird, zeigt mir die besorgniserregende Tendenz zur Beliebigkeit von Produkten und Marken. Das hat mit Globalisierung nichts zu tun, hier werden kümmerliche Reste einer vergangenen Industriekultur gnadenlos fürs schnelle Geschäft instrumentalisiert, man könnte auch sagen verwurstet.
Irgendjemand soll hier bewusst getäuscht werden und raten Sie mal, wer? Genau: Sie, die Klavierkäufer! Vorausgesetzt, es klappt mit der Orthographie. Um Ihnen den Unterschied klarer zu machen, erlauben Sie mir ein Beispiel: es ist ein himmelweiter Unterschied, ob eine Schweizer Uhrenfabrik ein eigenes Zweigwerk in Shanghai errichtet um Lohnkosten zu sparen oder ob man einem billigen chinesischen Massenprodukt einen einstmals bekannten Markennamen einer nicht mehr existierenden Schweizer Uhrenfabrik verpasst, um sie teurer und leichter verkaufen zu können. Das eine ist Globalisierung und das andere Betrug, zumindest aber absichtliche Irreführung des Kunden!
Die Verräter sind unter uns
Und es sind meistens gar nicht die unzähligen chinesischen Klavierbauer, die solch einen »halbseidenen« Marktauftritt inszenieren. Diese sind nämlich eher unbeholfen und kennen sich auf den westlichen Märkten gar nicht aus. Es sind vielmehr Fabrikanten, Importeure und Vertriebsleute in den USA und Europa, die ihren Nektar aus der Unerfahrenheit und den sprachlichen Problemen ihrer chinesischen Lieferanten saugen. Und wie sie das tun: ein chinesisches Klavier wird in aller Regel für unter 1.000 USDollar an den Importeur verkauft, gut verpackt und inklusive passender Bank, versteht sich! Den vertrauensvollen Klavierkäufer in Deutschland oder Österreich lacht es dann mit »eingedeutschtem« Image und einem Preis von 2.990,– Euro an.
Natürlich muss es billige und teure Klaviere geben, so wie es billige und teure Autos, Uhren, Waschmaschinen gibt, aber dem Käufer sollte das bewusst sein! Beim Klavierkauf ist das nicht so sicher, denn bei die meisten Familien kaufen im Leben nur eines und kennen sich in aller Regel nicht gut aus. Wenn da der Verkäufer freudestrahlend ein echtes »Mühlstein & Sohn« zum oben genannten Preis anbietet und der Hochglanzprospekt noch selbstbewusst mitteilt, dass diese Marke bereits 1879 gegründet wurde und Kronprinzessin Auguste huldvoll eines erwarb, dann wird der Kaufvertrag mit gutem Gefühl unterschrieben. Dass diese Firma ihre Pforten schon im Jahr 1919 wieder schließen musste, steht da allerdings nirgends …
Wie sagte Loriot, als ihm ein gekochter Apfel als »Birne Helene« angeboten wurde? »Ich ess’ es ja, aber nicht unter falschem Namen!«

Herzlichst
Ihr C. Ulrich Sauter
zurück zur Übersicht

AboHaben wir Ihr Interesse geweckt? Ein Gratis-Exemplar senden wir Ihnen gerne zu. Wenn es Ihnen gefällt, können Sie für Euro 7,50 Druck- & Versandkostenbeitrag ein Jahresabo erwerben. Dann finden Sie die kommenden vier Ausgaben jeweils druckfrisch in Ihrem Postkasten.

©2010 Klavierhaus Weinberger · Brucknerstraße 21 · A-4470 Enns
www.weinberger.net · Tel: +43 (0) 7223 / 86 084