- Wir sind die Guten*
Liebe Leserinnen und Leser!
Nein! Ich will nichts mehr hören von Globalisierung, Dollarkurs oder dem fucking shareholder value. Keine Strukturen, Mechanismen oder Trend-Charts tun etwas. Was passiert, machen Menschen. Die in der Lage sind, über den Tellerrand hinauszuschauen und den Arsch hochzukriegen. Die einen freien Willen haben. Entscheiden können, und das auch tun. Der neue Geschäftsführer entscheidet, mit Lohnkürzung für niedrigere Kosten und höhere Gewinne zu sorgen. Ein Pianist beschließt, heute mal nicht zu üben. Konsumenten kaufen Produkte, weil ein Logo drauf klebt oder weil sie billig sind, denn niemand interessiert es, dass die »Geiz ist geil«-Schnäppchenjagd Teil einer irren Spirale nach unten ist, die eine winzige Minderheit reicher und eine gigantische Mehrheit ärmer macht. Dazu kommt, dass die einzige Alternative zu diesem wirtschaftlichen Fundamentalismus der religiöse Fanatismus zu sein scheint. Komm Allah!
Was geht da vor? Ist das Gehirn der Menschen so geschrumpft, dass, außer einfachem Zahlenverständnis und blindem Glauben, sich alles auf drei unerreichbare Ziele reduziert: null (Einsatz), unendlich (Gewinn) oder Gott (alles)?
Wenn das so ist, brauchen wir auf die Apokalypse nicht warten, dann ist sie bereits da.
Es war ein guter Tag, als John Kerry die Wahl zur US-Präsidentschaft verlor. Er war einer, von dem sich viele Erlösung erhofften. Sein Scheitern zeigt uns vor allem eines: Niemand wird uns retten. Keine Partei, keine Organisation, keine Gesetze und kein Mensch. Wir müssen uns selbst helfen.
Wir sind zurückhaltend, bescheiden und leise, weil wir zweifeln, denn wir sind klug genug, die Relativität unserer Ansichten zu erkennen. Wir beweisen täglich das alte Sprichwort: Der Klügere gibt nach – und die Anderen regieren uns. Die meisten Menschen sind unentschlossen, sie orientieren sich an dem, was andere sagen. Und die Idioten brüllen immer am lautesten.
Ich habe noch nie einen Idioten mit Zweifeln gesehen. Das ist ihre große Stärke, mit der sie alles dominieren, jede Partei, jeden Verein, jede größere Menschenansammlung. Dagegen müssen wir antreten, denn sie machen alles kaputt. Es heißt – jeder Mensch ist ein Künstler – das bedeutet auch, jeder Mensch kann die Welt verändern. Und ich will jetzt keine Zweifel hören ob das geht oder nicht. Wir sind die Guten!
Wir hören zu, wenn ein anderer spricht. Wir versuchen zu verstehen und zu helfen, wo es nötig ist. Manchmal machen wir Fehler aber wir lernen dazu und ärgern uns, wenn wir den selben zum dritten Mal machen. Wir kaufen »Fair Trade«-Schokolade und spenden für die Flutopfer. Wir kaufen Sachen und verschenken sie, weil man nicht allen »ich liebe Dich« sagen kann. Wir lachen und singen manchmal falsch mit. Wir sind ehrlich oder halten den Mund. Wir behandeln Menschen mit Respekt. Wir bemühen uns, alles richtig zu machen und gute Lebenspartner, Freunde, Mitarbeiter oder Chefs zu sein. Wenn der Nachbarbub die dritte Woche »Für Elise« noch immer falsch spielt, sagen wir »nicht die Musik ist zu laut, die Wände sind zu dünn«.
Wenn wir wollen, dass sich was ändert, dann müssen wir das selbst erledigen. Wir sind die Guten. Und wir können etwas ändern. Denn wir sind viele.
Viel Freude mit unserer aktuellen Ausgabe. Der Frühling ist da!
Ciao bis zum Sommer,
Ihr
Bruno Weinberger
*In Anlehnung an einen Artikel von Peter Lau aus »Brand Eins« Heft 01/2005
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