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Was ist geil an Geiz?
Worin liegt der Wert eines gutes Produktes oder einer gut erbrachten Dienstleistung? Richtig: im Nutzen. Woraus besteht der Nutzen? Richtig: In der Befriedigung meiner Bedürfnisse. Um welche Bedürfnisse geht es? Diese sind natürlich individuell unterschiedlich. Aber es gibt einen kleinsten gemeinsamen Nenner: Das Vertrauen.
Vertrauen auf die Funktion, die Verlässlichkeit, die Werthaltigkeit und das Image einer Marke. Damit wir uns aber nicht vertun: Image entsteht nicht aus Luftnummern sondern aus Fakten. Es muss nicht nur das Produkt selber stimmen oder das Marketing oder die Verkaufszahlen. Es reicht auch nicht, dem Kunden nur über die Marktforschung zu begegnen und ihn ansonsten auf Distanz zu halten. Nein, die Marke, das Produkt, müssen den Konsumenten das Vertrauen geben, das ihnen über viele Jahre hinweg versprochen wurde. Und dieses Versprechen muss mit dem Produkt eingelöst werden. Solches Marktverhalten schafft dann auch ein gutes Image, dass sich positiv auf das Geschäft auswirkt und damit auch auf die Arbeitsplätze. Weil dies alles zusammengehört, lässt sich der Begriff Wirtschaft auch nicht nur auf den technischen Austausch von Produktionsfaktoren reduzieren.
Wirtschaften ist also ein sozialer Prozess, der auf kulturelle und gesellschaftliche Bedingungen angewiesen ist. Ganz offen und ehrlich: Vor diesem Hintergrund finde ich diese »Geiz ist geil« Kampagne dieser Elektrofirma einfach schrecklich. Nie würde ich dort auch nur einen gebrauchten CD-Rohling kaufen.
Einmal ganz abgesehen davon, dass Geiz moralisch eine Untugend darstellt, die wir unseren Zeitgenossen und Kindern beibringen müssten – nein schlimmer noch: Welche Konsumenten werden damit erzogen? Schnäppchenjäger, die nicht etwa aus einer Not heraus sparen müssen, sondern die die Jagd nach »Billig« als Volkssport empfinden.
Erst kürzlich hat sich ein amerikanischer Manager aus der Automobilbranche darüber beklagt, dass seine Kunden, wie er sagte, »keine Autos mehr kaufen, sondern nur noch günstige Gelegenheiten«.- Dieser Zustand ist gesellschaftspolitisch eine mentale Katastrophe. Für immer weniger Geld immer mehr wollen – wie soll das wohl funktionieren? Mit einer solchen Konsumentenhaltung werden Gesellschaften zugrunde gerichtet, weil das Bewusstsein für den Wert von Produkten und Dienstleistungen verloren geht.
Schlimmer noch: »Geiz ist geil« ignoriert, dass das Wirtschaften ein sozialer Prozess ist, und dass Kunden in Wahrheit Vertrauenswürdigkeit suchen. Diese Untugend ignoriert überdies, dass Kunden in aller Regel auch Arbeiter und Angestellte sind, die sich in diesen Kampagnen nicht wiederfinden können, weil ihnen der Wert ihrer Arbeit darin abgesprochen wird. Da kann keine Identität entstehen. Und Identität brauchen wir – als Individuum wie als Gesellschaft. - Bruno Weinberger
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