Musikmagazin
Chick Corea mit »Touchstone« in Hörsching,
sein Outing zu Scientology und über seine neue Hüfte.

Für Freunde des Jazz ist Hörsching bereits eine bekannte Adresse: Weltstars wie Randy Newman oder Dave Brubeck waren schon da und am 10. Mai 2004 spielte die Jazzlegende Chick Corea mit seinem neuen Quartett »Touchstone«, für das er sich von Paco de Lucia drei Musiker ausborgte.
Eine Chick Corea Platte mit Paco de Lucia aus 1983 trug bereits den Titel »Touchstone«. Damals ging der heute 62-jährige mit Herbie Hancock auf Welttournee. Heute, zwei Jahrzehnte später spielt Chick mit nicht weniger Freude. Mit seinen Freunden hat er wieder eine neue Perspektive gefunden. Geht doch das spanisch-rhytmische zurück auf seine eigenen Wurzeln. Seine teils komplizierten Melodien und Arrangements müssen den heutigen Pop- Produzenten wohl einigen Respekt abringen. Diese Musik ist echt und handgemacht. Übrigens nicht immer nur am Flügel:

  Spiel- und Lebensfreude pur:
Chick Corea mit seiner Band »Touchstone«

In Hörsching gab der Meisterpianeur ein Schlagzeugsolo, und das ohne Sticks! Am Ende durfte das Publikum noch einen vielstimmigen Backgroundchor mimen, was ein großes Wir-Gefühl über den Saal legte. Der beinahe vollständig gefüllt Saal dankte die Musikalität und Spielfreude mit tosendem Applaus. Chick Corea spielte, wie schon in den letzten Jahren, den Yamaha CF-IIIS Meisterklasse Konzertflügel von Weinberger. Wir nutzten die Gelegenheit, den Musiker wieder zu einem Interview zu bitten. Lesen Sie im folgenden, was er uns erzählte:

Bruno Weinberger: Wie geht es Dir gesundheitlich? Du hattest erst vor wenigen Wochen eine schwere Operation?
Chick Corea: Danke der Nachfrage, es geht mir schon wieder richtig gut. Ich hab eine neue Hüfte bekommen, alles ist ohne Komplikationen gelaufen. Ich darf das Bein noch nicht stark belasten und muss etwas mehr rasten. Aber ich bin wieder gesund und fühle mich sehr wohl.

BW: Du warst 2001 zuletzt in Oberösterreich. Was hast Du in der Zwischenzeit gemacht?
CC: Zweieinhalb Jahre meines Lebens sind vergangen (lacht). Spaß beiseite: Ich habe einige Projekte durchgezogen. Zu meinen 60-sten Geburtstag kam ich mit vielen Freunden in New York zusammen. Ich machte drei Wochen lang, mit den meisten der großartigen Musiker, mit denen ich in den letzten Jahrzehnten gespielt habe, Musik. Wir haben viel aufgenommen – CDs und DVDs, machten neun TV-Shows und einen Film. Das alles lief unter dem Titel »Rendezvous«. Ein weiteres großes Ding war die Wiedervereinigung der Electric Band vor zwei Jahren. Wir haben gerade eine neue CD aufgenommen. Sie heißt »To the Stars« – vielleicht meine beste Platte bisher. Und wir touren im Sommer auch wieder in Europa.

BW: Wie kamst Du auf den Titel »To The Stars«?
CC: Die Inspiration kam durch ein Buch meines Lieblingsautors Ron Hubbard, der nicht nur ein großartiger Sience-Fiction Schriftsteller, sondern auch Gründer von Scientology ist. Ich bin seit vielen Jahren ein Fan und habe dieses Buch mehrmals gelesen. Die Charaktere haben mich zum Komponieren inspiriert. Das Album habe ich u.a. mit Dave Weckl und John Patituci aufgenommen.

BW:
Du spielst auf der Bühne Yamaha und zu Hause hast Du einen Bösendorfer. Das sind doch sehr verschiedene Instrumente?
CC: Klaviere und Flügel zu Hause oder auf der Bühne sind zwei verschiedene Dinge. Der Grund ist: Zu Hause hast Du die totale Kontrolle und kannst Deine Instrumente in Top-Form halten. Ich achte auf Temperatur und Luftfeuchtigkeit, lasse sie oft stimmen, nachregulieren und intonieren und spiele fast ausschließlich nur selber. Ich bin sehr heikel auf meine Flügel, besonders auf den Bösendorfer Imperial, den ich mir 1981 gekauft habe. Ich liebe den Ton dieses Flügels! Neben dem Bösendorfer steht mein zweiter Flügel, ein Yamaha CF-IIIS, mit Disklavier-Ausstattung.
Ich verwende den Yamaha gerne für Jazz und um ganz ehrlich zu sein – auch für Mozart und Skrjabin schätze ich die Klarheit des Yamahas sehr. Der Bösendorfer hingegen hat einen solch reichen und tiefgehenden Klang, der einfach einzigartig ist. Ich bin glücklich mit meinen Flügeln.

BW: Übst Du eigentlich noch?
CC: Na sicher! Meine Hauptarbeit leiste ich am Flügel. Die Klavierparts meiner Kompositionen sind nicht immer einfach zu spielen. Daher muss ich meine eigene Musik üben. Zum Vergnügen spiele ich Werke meiner Lieblingskomponisten. Derzeit übe ich Skrjabin Preludes. Ich plane, diese dann aufzunehmen.
Weißt Du, ich liebe das Klavier. Ich arbeite irrsinnig gerne mit dem Klavier. Aber Pianist mit klassischem Repertoire sein –– das ist meine Sache nicht. Mein Liebe ist es, zu Komponieren und zu Performen.

BW: Wie siehst Du die Entwicklung der Musikindustrie?
CC: Das Musikbusiness ist ein Geschäft, wie jedes andere auch. Wenn Du effektiv bist und ehrlich bleibst, Deinen Prinzipien folgst, gute Produkte machst, wirst Du ein gutes Geschäft machen. Das ist meine Philosophie. Business ist Teil unseres Lebens: Der eine bäckt Brot, der andere züchtet Kühe und ich spiele Klavier. Der Ausgleich ist das Geschäft. Du kannst deine Sache gut machen oder weniger gut machen. Du hast die Wahl.

BW: Du bist als Musiker ständig unterwegs und du bist seit vielen Jahren glücklich verheiratet. Wie macht ihr das?
CC: Mit meiner ersten Frau Joan war ich fünf Jahre zusammen und mit Gale bin ich seit 1972 verheiratet. Ich habe eine Tochter und einen Sohn und bin bereits Opa von drei Jungs. Das ganze funktioniert so gut, weil meine Frau als Unterstützungssytem agiert. Glücklicherweise ist Gale auch eine Musikerin, eine Sängerin, die mit mir arbeitet, mir hilft, mich unterstützt und einfach für mich da ist. Ein Mann ohne Frau ist nicht komplett. Ich bin sehr glücklich, dass ich Gale habe.

BW: Was hältst Du von den derzeit so forcierten Casting-Shows im Fernsehen?
CC: Ich habe schon Jahrzehnte nicht mehr in den Fernseher geschaut. Das erste was ich in einem Hotelzimmer mache ist, den Fernseher vom Tisch entfernen zu lassen. Da habe ich mehr Arbeitsfläche. Ich habe also keine Ahnung von diesen Shows.

BW: Was machst Du, wenn Du nicht Musik machst?
CC: Vielleicht ist das eine Schwäche in meinem Leben, dass ich mir nicht genug Zeit nehme, andere Dinge zu machen. Ich habe eigentlich seit 20 Jahren keinen Urlaub gemacht. Aber ich sollte…
Ich hatte einen schönen »Honeymoon« mit Gale –– vor 15 Jahren. Wir sind für vier Tage nach Hawai gefahren. Aber nächste Woche treffe ich Gale wieder in Paris, da habe ich zwei Tage frei. Wir werden Zeit haben spazieren zu gehen, Dinge anzusehen und zu relaxen.

BW: Hast Du außer Musik gar keine andere Leidenschaft?
CC: Doch, ich bin leidenschaftlicher Scientologe. Ich verbringe viel Zeit mit meiner Gruppe. Wir haben viele Aktivitäten am Laufen: Beispielsweise unterstützen wir Leute, die von den Drogen wegkommen wollen und helfen Kriminellen in Gefängnissen. Ich mache das sehr gerne und spiele auch manchmal um Geld für diese Aktivitäten reinzubringen. Auch das Studium der Idee von Scientology braucht viel Zeit.

Chick Corea   Ein sehr offenes Gespräch nach dem Konzert

Wir leben in Florida und wir haben fast immer schönes Wetter. Ich gehe mit meiner Frau oft an unserem wunderbaren Strand spazieren und ich schwimme gerne. Um die Wahrheit zu sagen: Ich habe überhaupt kein Bedürfnis, auf Urlaub zu fahren. Mein Leben ist wunderbar, so wie es ist.

Bruno Weinberger: Danke für's Gespräch!
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