Musikmagazin
Tradition = Schlamperei
Schafft Bösendorfer die 175 Jahr-Bürde?

Was haben Porsche, der japanische Kaiser, Oscar Peterson und 9000 Edelkristalle von Swarovski gemeinsam? Sie alle sind Bestandteil des 175-Jahr Jubiläums von Bösendorfer, der letzten österreichischen Klavierfabrik und Aushängeschild im Unternehmensportfolio der Republik.

Der markige Ausspruch „Tradition ist zu 90 % Schlamperei“ stammt vom deutschen Klaus Kobjoll, der vor 2 Jahren den European Quality Award gewonnen hat – also zum besten Unternehmer Europas gewählt wurde. Aber wie geht man mit der Verpflichtung zur Wahrung einer Traditionsmarke wie Bösendorfer richtig um? Und wie schafft die Geschäftsleitung die immer schwieriger werdende Grätsche in eine gesicherte wirtschaftliche Zukunft mit einem Unternehmen, das nicht dafür bekannt ist, Grundnahrungsmittel herzustellen?

Sondermodellsechslinge
Die Wiener Klavierbauer schossen zum Jubiläum Sondermodelle aus ihrer Produktion, als gäbe es kein Morgen. Nicht weniger als sechs Sondermodelle bilden eine noch nie da gewesene Leistungsschau im Flügelbau. Betrachtet man insgesamt die Gelähmtheit der europäischen Klavierindustrie, so kann man hier ohne Übertreibung von einer Glanzleistung sprechen.
Der Begriff Tradition ist nach einer jüngeren Untersuchung bei den unter 20 jährigen nicht einmal mehr neutral bewertet - er ist inzwischen negativ besetzt. Ein Unternehmen, das sich auf Basis seiner Tradition nicht ständig neu orientiert und definiert stirbt. Denn einem Teenager ist es völlig wurscht, wie alt die Firma ist, die seine Jeans, seine Computerkonsole oder sein Klavier hergestellt hat. Der persönliche Nutzen steht im Vordergrund. Tradition ist oft mehr Hemmschuh denn Wettbewerbsvorteil, besonders bei gewachsenen Strukturen mit Besitzstandsdenken.
Hier scheint trotz 175 Jahren Geschichte bei Bösendorfer einiges recht gut zu funktionieren. Im neuen Bösendorfer Journal steht „Tradition für den Fortschritt“. Der Satz taugt zwar als Positionierungsslogan nichts, unterstreicht aber die Denke im Haus, die sich in den aktuellen Sondermodellen wiederspiegelt.

Galakonzerte für Geladene
Für die Freunde des Hauses Bösendorfer gab es zum Jubiläum eine Vielzahl von Veranstaltungen auf der ganzen Welt. Und viele feierten mit. Über tausend Pressemeldungen berichteten über die Feierlichkeiten, die im November in Wien ihren Höhepunkt fanden: Und zwar mit drei der besten Pianisten unserer Zeit, jeder ein Klasse für sich. András Schiff, Fazil Say und Oscar Peterson.

Lebendiges Denkmal im Musikverein
Wir können über eine Sternstunde des Jazz berichten: Die Legende Oscar Peterson, Träger des Bösendorfer Live-Time Awards, spielte mit seinem Quartett am 21.11.03 im Goldenen Saal.
Peterson, der seit seinem Schlaganfall an den Rollstuhl gebunden ist, ließ es sich nicht nehmen, zu Fuß und ohne Hilfe die Bühne zu betreten. Standing Ovations von 2000 Gästen, noch bevor ein Ton gespielt wurde. Der restlos gefüllte Saal bekam ein über 2-stündiges Konzert zu hören, das in die Annalen der Jazzgeschichte eingehen wird. Wie Oscar Peterson, der seine linke Hand kaum mehr bewegen kann, so spielen kann, wird ein Anatomierätsel bleiben. Gottseidank gibt es einen Livemitschnitt, der auf CD und DVD im Frühjahr erscheint.


Legendär und unübertroffen
Der großartige Oscar Peterson mit seinem Quartett.
Eine Sternstunde des Jazz im Goldenen Saal des Wiener Musikvereinssaales.


Das Resümee
Kurzum – 100 Punkte von 100. Mit Modellen, die an die große Vergangenheit erinnern und Flügeln, die mit ihrer Einzigartigkeit den Weg in die Zukunft weisen. Mit engagierten Mitarbeitern, die Probleme lösen können. Mit Veranstaltungen, bei denen sich die Freunde des Hauses weltweit wieder einmal treffen konnten. Mit Künstlern, die dem Hause verbunden sind und Bösendorfer unterstützen, so wie es einst Franz Liszt getan hatte. Wenn Tradition so definiert wird, irrt Kobjoll.


Bruno Weinberger
Die Sondermodelle


Der Glamouröse

Mit dem Swarovski Flügel ist Bösendorfer die Aufmerksamkeit gewiss: 9000 Edelkristalle verwandeln den Flügel in ein funkelndes Meer aus Licht. Und 700.000 Euro ist der Preis für die Einzigartigkeit.

Der Verschollene
Das Original des Kaiserflügels schenkte Kaiser Franz Josef I 1869 seinem japanischen Kollegen Tenno Meiji. Da dessen Palast später den Flammen zum Opfer viel, standen für die Rekonstruktion nur alte Zeichnungen und Fotos zur Verfügung. Gegossene und vergoldete Barockengerl auf Fisch-Figürchen, edelstes poliertes Mahagoni und reichlich Blattgold. Unglaublich!
 


Der Kunstvolle
Beim Artisan konnten sich die Holzkünstler bei Bösendorfer bis zum Exzess austoben. Feinere Intarsien finden Sie nirgends! Jedes Jahr wird nur ein Stück davon gebaut.

  Das Design Stück
Eigentlich würde der Porsche Flügel es verdienen, in jeder Ausgabe in seinen Details beschrieben zu werden. Denn die Leute von Porsche Design haben mit Bösendorfer einen Flügel erschaffen, bei dem alles passt. „Form folgt Funktion“ ist ein Leitspruch der Designerkunst. Beim Porsche Flügel finden sie die perfekte Umsetzung dieser Vision.

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