Musikmagazin
Kommt der Brunnen zum Eimer?
Broadwood's Reise zu Beehoven

Diesmal möchte ich Ihnen ein wenig über die langen Wege der Klaviere zum Spieler erzählen. Sie werden sehen, dass dies bei weitem nicht nur mit nüchterner Logistik zu tun hat.

Klaviere und Flügel sind sehr schwere und dennoch extrem empfindliche Güter und entsprechend risikoreich sind deren Transporte, übrigens bis heute. Im 18. Jahrhundert waren deshalb weite Transporte die große Ausnahme und wenn es sie gab, dann waren es weithin beachtete Ereignisse, die mitunter sogar literarisch verarbeitet wurden. Eine der berühmtesten dieser Fahrten war der abenteuerliche Weg eines Broadwood-Flügels von London ins ferne Wien. Der Empfänger: Ludwig van Beethoven.
John Broadwood hatte sich in den Kopf gesetzt, seinen Flügel dem Meister zu schenken, um etwas von dessen Glorie auf sein Produkt zu übertragen – einer der ersten Fälle von modernem Marketing. Der Weg ging per Schiff von der Nordsee in den Atlantik, dann quer durchs Mittelmeer bis in die Adria, von dort in Ochsenkarren über den Balkan nach Wien. in welchem jämmerlichen Zustand das arme Instrument nach vielen Monaten ankam, kann man sich vorstellen, denn es wurde auch von Räuberbanden und Wegelagerern berichtet. Der Erfolg aber war so durchschlagend, dass wir noch heute nach etwa 200 Jahren davon wissen.

Ein heute lebender Ludwig van Beethoven würde in Wien einen vergnüglichen Einkaufsbummel unternehmen und könnte seinen neuen Lieblingsflügel unter vielen anderen in Ruhe aussuchen. Im frühen 19. Jahrhundert war das ganz anders. Klavierbauer gab es fast nur in großen Städten und diese begannen erst mit dem Bau eines neuen Instruments, wenn der Auftraggeber einen großem Beutel voller Gulden oder Batzen auf die Werkbank legte. Da aber die Kundschaft, damals wie heute, nicht die „Katze im Sack” kaufen wollten, mussten die Klavierbauer, sozusagen als vertrauensbildende Maßnahmen, jede Menge von glühenden Empfehlungsschreiben vorweisen, am besten von Königshäusern, bekannten Persönlichkeiten oder Künstlern, die vom Olymp herab dem gemeinen Musikus dieses oder jenes Fabrikat wärmstens ans Herz legten.

So entstanden die berühmten „Künstlerfreundschaften" zwischen Klavierbauern und Pianisten und manche findige Handwerker verfeinerten diese Symbiosen virtuos. Zum Beispiel der Stuttgarter Klavierbauer Klinckerfuß (er hörte auf den schwäbischen Vornamen Apollo) baute zwar eher durchschnittliche Instrumente, aber er brillierte durch ein weit verästeltes Mäzenatentum mit Konzerten, Künstlerbetreuung und kulturellem Engagement und sicherte so seinen Absatz.
Im fernen New York des 19. Jahrhunderts umgarnten die Klavierbauer die bekannten Pianisten, die sich mittlerweile zu Volkshelden gemausert hatten, mit allen Mitteln. Manchmal so rabiat, dass die zarten Künstlerseelen Schaden zu nehmen drohten.

Klavierbauer auf dem Lande waren da sehr im Nachteil, denn dahin kamen die Granden der Tasten nur ganz selten. Allerdings waren deren Kunden auch nicht in der Lage, mal eben nach Wien oder New York zu reisen, um ein Klavier zu kaufen. So genügte der Witwe Carl Sauters im schwäbischen Spaichingen beim „Abonnement auf Tafelpianos und Pianinos" im Jahre 1869 das „aufrichtige Zeugniß" des Pfarrers K. Haunk , dass er über „den eleganten Bau und den elastischen Anschlag im Spiele und des harmonischen Verhältnisses vollkommen zufrieden" sei, um zusammen mit ihrem Sohn Johann Sauter an einem Samstag eine gesamte 5-Jahres-Produktion zu verkaufen. Die Reihenfolge der Lieferungen wurden per Los bestimmt und der letzte musste 5 Jahre auf sein ersehntes Instrument warten!
Einer zunehmenden Verbreitung des Klaviers standen jedoch die Verkäufe ab Fabrik oder Werkstatt im Wege, weil der größte Teil der potentiellen Klavierkäufer weit weg von diesen Verkaufsstellen lebte. Der amerikanische Hersteller von Klavierbestandteilen Alfred Dolge beklagte sich schon im Jahr 1909, dass das damalige Absatz-System mit wenigen Agenturen der Klavierfabrikanten in großen Städten dem Kunden die Möglichkeit des direkten Vergleiches mit anderen Marken nahm und so die Qualität der Produkte sank, während der Preis stieg. Auch die noch so blumigen Empfehlungsschreiben der glücklichen Pianobesitzer oder Künstler konnten nicht den kritischen Vergleich ersetzen.

Sogar Henry Ford erkannte das Problem und bot ein Modell T an, das speziell für Klaviervertreter gebaut war. Anstelle des Kofferraumes war ein Gestell angebracht, auf dem ein Klavier Platz hatte. Dieses konnte man mit einer Kurbel auf den Boden senken und so auch dem entlegenen Farmer im mittleren Westen zum Probespiel darbieten.
Mit der Entwicklung moderner Transportmittel hatte das alte Agentur-System ausgedient und überall entstanden Musikgeschäfte, die den Kauf von Klavieren auch in kleinen Städten ermöglichten. Das Klavier kam nun viel näher zum Kunden und man konnte endlich nach Herzenslust aussuchen und vergleichen. Das förderte den Wettbewerb und das Klavier wurde bis heute immer erschwinglicher und trotzdem besser. Das gilt natürlich nicht für alle Fabrikate, aber das werden Sie selbst herausfinden...
Also, auf Wiedersehen im Klavierhaus!

Ihr
C. Ulrich Sauter

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