- Showtime in der Klavierhölle
Ein Rückblick auf den Pianosalon der Frankfurter Musikmesse
- 5. - 9. März 2003, 2.142 Aussteller, 98.000 Besucher.
Wenn in einer Halle hunderte Klavier ausgestellt sind, dann ist das der Klavierhimmel – bis 9 Uhr morgens. Dann kommen die Menschen und kehren die Harmonie ins Gegenteil: Schlimmerer Lärm kann auch in der Hölle nicht herrschen. Horden von begeisterten Klavierspielern fallen über die Prunkstücke der Klavierbauer her und betonieren Beethoven, Liszt und Tschaikowski in die Tasten. Ich verstehe Paolo Fazioli, der seine besten Stücke heuer in zwei Schallkabinen geschützt hat.
Wie es die Aussteller ertragen, dass ihre „Kinder" vor ihren Augen verprügelt werden, ist mir ein Rätsel. Entweder leihen sich von den wenige Hallen entfernten Techno- oder Rockmusikern Ohrenstöpsel oder nehmen Drogen - wer weiß.
Fürs Publikum ist es natürlich eine einmalige Gelegenheit, auf einem Platz alles und vor allem das Beste zu sehen, was die Klavierhersteller produziert haben. Nirgends sonst auf der Welt kann man auf so vielen unterschiedlichen, perfekt eingestellten, optimal gestimmt und intonierten Konzertflügeln kostenlos und nach Herzenslust „üben". Messebesuchern, die jedes Jahr den Pianosalon besuchen, erkennen mittlerweile auch diejenigen wieder, die jedes Mal wieder die gleichen (lauten) Klavierwerke „vortragen" und sich so mit dem Kollegen am Nachbarstand duellieren. Die Sinnhaftigkeit solcher „Klaviertest" stelle ich hiermit offiziell in Zweifel.
Das traditionelle, akustische Klavier ist zwar von seinen Entwicklungs-möglichkeiten ziemlich ausgereizt, trotzdem gibt es jedes Jahr wiederum kleine Neuerungen und Innovationen. Und von den Tüftlern und Enthusiasten, die sich das Hirn nach Verbesserungen für die Klavierspieler ausquetschen wollen wir berichten: - Andexinger: Der Innovationssieger bei Klavierbänken.
- Man kann zu Andexinger kommen wann man will. Er hat immer etwas Neues bei seinen Klavierbänken. Meistens Kleinigkeiten, die das Leben einfacher machen. Das macht er auch heuer, präsentiert dabei aber eine Weltneuheit: Eine in Höhe und Neigung elektrisch verstellbare Klavierbank. Die Bank verfügt über einen starken Akku, funktioniert perfekt und völlig geräuschlos. Sitzhöhen und Positionen lassen sich für mehrer Personen abspeichern.
www.andexinger.de - Bechstein: Das Jahr Eins nach der Übernahme
durch den koreanischen Konzern Samick. - Nach Überarbeitung der Flügelpalette in den letzten Jahren wurde nun auch der kleinste der Runde, der 165er neu konstruiert. Der L-165 entspricht mit seinen Konstruktions- und Materialspezifikationen nun auch seinen größeren Geschwistern. Die Arbeit hat sich gelohnt: Der „Zwerg" der Bechstein Familie bietet eine Mechanik, die einen größeren Flügel spüren lässt und man merkt beim Anspielen sofort, dass es sich hier um ein Profi-Instrument handelt. Muss es auch, denn im Preissegment von über 35.000,-- Euro ist die Luft dünn.
www.bechstein.de - Blüthner: Das Harmonie-Pedal.
- Schon zu Mozarts Zeiten wurden mit zusätzlichen Pedalen für besondere klangliche Effekte experimentiert. Moderne Flügel verfügen über drei Pedale. Rechts das Dämpfungs-Pedal: Bei Betätigung werden alle Dämpfer abgehoben, alle Saiten können frei schwingen. In der Mitte das Tonhalte-Pedal: Bei Betätigung werden nur jene Dämpfer oben gehalten, die durch die gedrückte Taste abgehoben wurden. Linkes Pedal: Die Mechanik verschiebt sich um wenige mm nach rechts. Damit verändert sich der Klang, er wird weicher, leiser, subtiler.
Und nun setzt Blüthner eins drauf: Ganz rechts findet sich ein 4. Pedal. Die Funktion: Das Harmonie-Pedal hebt bei Betätigung alle Dämpfer ab. Die Dämpfer jener Tasten, die man anschlägt, fallen jedoch in die Ruhe- und Dämpfungslage zurück. Damit ist ein Klangsalat ausgeschlossen, aber die Obertöne der noch schwingenden, nicht angeschlagenen Saiten ergeben interessante Klänge. Eine Verbreitung der Idee wird wohl davon abhängen, ob einer der großen Hersteller das Thema aufgreift und die Pianisten diesen neue Möglichkeit für sich entdecken.
www.bluethner.de - Bösendorfer: Porsche Design und neuer Computerflügel.
- Wie schon in Los Angeles brillierten die Wiener Klavierbauer mit dem von Porsche Design gestalteten Flügel (Siehe Der Weinberger 30). Auf Basis des Modells 214 wurde ein Flügel kreiert, wohl treu nach dem Motto: Form folgt Funktion. Der Tastendeckel klappt sich fast unsichtbar unter den Stimmstock zurück, das Notenpult ersetzt den Vorderdeckel und mit verstellbaren Abstellflächen links und rechts des Pultes kann man sogar die Lautstärke etwas beeinflussen. Profile aus dem 19. Jahrhundert sucht man vergeblich an Deckelkanten, Pedalen und Flügelbeinen. Dass man sich vom Messing als Ziermetall zugunsten Chrom getrennt hat, war ohnehin klar. Alles passt bei diesem Flügel. Der Preis von ca. 80.000,-- Euro schränkt zwar die potentielle Käuferschicht ein, trotzdem stimmt die Marschrichtung. Wenn Sie heute einen Porsche Flügel bestellen, müssen Sie 14 Monate warten, denn eine Jahresproduktion ist bereits verkauft. Der Eye-Catcher von Bösendorfer war zweifellos das Highlight der Messe. Nirgends sah man beispielsweise die Führungskräfte von Steinway & Sons länger verweilen als am und um den Bösendorfer Stand.
Vorgestellt wurde als 2. Novität ein Prototyp des neuen Computerflügels. Als erster Klavierhersteller hatte Bösendorfer bereits 1985 seinen ersten selbstspielenden Flügel mit Computersteuerung. Die Technik ist in seiner Präzision bis heute unerreicht: über 1050 Anschlagsnuancen, das bietet nicht einmal Yamaha. Trotzdem, die Computer-Peripherie Systeme waren hoffnungslos veraltert. Mit einer weiter verfeinerten Abtasttechnik und einer Toch-Screen Bedienung setzt Bösendorfer mit seinem neuen Computerflügel wiederum einen neuen Standard.
Wenn Sie bis hierher gelesen haben: Glückwunsch! Jetzt erfahren Sie zu Belohnung, dass es in Kürze das lang ersehnte Video der Bösendorfer Factory-Tour geben wird. Großartig fotografiert - macht Lust auf Klaviere und eine echte Fabriksbesichtigung in Wiener Neustadt. Infos im Fachhandel.
Ach ja, auf die neue Homepage ist die Marketingabteilung besonders stolz. Zu Recht.
www.boesendorfer.com - Grotrian Steinweg: Der Akustikblock
- Neben dem Blickfang des VW-Phaeton verbarg sich die Innovation des Jahres bei Grotrian Steinweg schüchtern an der Rückseite eines Klaviers, ganz unten am Resonanzboden. Diesen Teil des Klaviers sieht man nur, wenn man unbedingt unter dem Klavier mal Staubwischen will und deshalb das Piano von der Wand weg muss. Dafür hört man es umso mehr: An der Rückseite des Resonanzbodens, gegenüber des Endes des Diskantsteges, haben die Leute von Grotrian einen Messingklotz aufgeschraubt. Die Art, Position und Masse wurde in Versuchsreihen optimiert. Die Idee hinter dem Akustikblock aus Messing: Eine Erhöhung der Masse beim Übergang auf den Bassbezug soll eine bessere klangliche Angleichung zum Baß ergeben. Nicht nur im Forschungslabor konnte die Wirkungsweise nachgewiesen werden - die Modalanalyse ergibt besseres Schwingen bei bestimmten Frequenzen - auch das empfindlichste akustische Messgerät wurde von der Verbesserung überzeugt: Das menschliche Ohr.
Eine weitere Neuerung: Seit April 2003 wird Grotrian von Yamaha mit Silent-Systemen beliefert. Das optische Meßsystem mit Lichtschranken der Japaner ist nach wie vor das Maß der Dinge. Der Aufpreis für ein Grotrian Steinweg Klavier mit der Silent-Ausstattung beträgt ca. 2.500,-- Euro.
www.grotrian.de - Sauter: Neues Design-Klavier von Maly und Verbesserungen am Konzertflügel.
- Seit 1997 baut die älteste Klaviermanufaktur der Welt (seit 1819) seine Linie der Design-Klaviere auf und aus. Der Unterschied zu vielen anderen Ansätzen von Mitbewerbern besteht in zwei Bereichen: Qualität des Designs - kein modischer Schnick-Schnack und Kontinuität - mit dem deutschen Designer Peter Maly wurde ein kongenialer Partner gefunden.
Mit dem neuen Modell „Rondo" wird der Weg konsequent weiter gegangen. Das sechste Klaviermodell von Peter Maly ist wieder schlicht, aber rund statt eckig. Der Bauch sagt Retro, wenn ich mir das Klavier ansehe. Ein stilvolle Ergänzung der Sauter Linie, die es ab ca. 12.000,-- Euro im Fachhandel zu erwerben gilt!
Richtig Spaß hatten wir mit dem weiter entwickelten 275er Konzertflügel: Er hat eine schlankere Zarge bekommen, den Füßen hat man das Fett abgesaugt und mit einer Stegaufdopplung aus Ebenholz, das extrem dicht gewachsen ist, hat der Diskant das Fett aus den Füßen bekommen: klingt grundtöniger und breiter.
Für die Rastenspreitzenverbindung hat man eine Anleihe aus dem Flugzeugbau genommen: Eine überlappende Verleimung mit Holzverdübelung. Extremste Steifigkeit des Korpus für exzellente Stimmhaltung und Klangstabilität (siehe Foto)
www.sauter-pianos.de - Schimmel: Schimmel optimiert und setzt weiter auf Jürgens.
- Die Flügelmodelle 256 und 213 wurden gegenüber den Vorgängermodellen deutlich verbessert: Der breitere Resonanzboden und die größere Mensur wirkt sich besonders beim 213er hörbar aus. Ab Sommer wird es eine zweite Marke von Schimmel geben: „Vogel” wird sie heißen, denn so lautet der Name des neuen Geschäftsführers von Schimmel. Das Piano soll preislich in der Einsteiger-Klasse liegen.
www.schimmel.de - Seiler: Gold vor Augen, neuer 186er Flügel und viel edles Holz
- Mit dem Slogan „Gold vor Augen” und einem Video Clip über Olympiasieger präsentiert sich die neue Werbelinie von Seiler, die sich vor allem an die „young professionals” richtet. Gewinnen zu wollen ist ein Wunsch, der so alt ist wie die Menschheit. Das Verlangen, ganz oben zu stehen verbindet Musiker und Sportler. Deshalb laufen bei Seiler einige Projekte im Sinne von „Musik und Sport”. Unter anderem ist Seiler offizieller Partner des olympischen Komitees für Athen 2004.
Um Spitzenleistungen zu ermöglichen braucht es auch immer bessere Flügel. Seiler hat einen solchen: den neuen 186er, der das Modell 180 ablöst. Der neue Flügel verfügt (endlich) über eine Strahlenraste, engere Radien am Korpus für größere Resonanzbodenfläche, eine neu konstruierte Gussplatte, Duplex-Skala vorne und hinten und eine Silie am Kapotaster, die aus gehärteten Stahl gefertigt ist. Damit sollte das lästige Zinseln und Saitenreißen bei Vielübern der Geschichte angehören.
Beeindruckend immer wieder: Die großartigen Arbeiten der Oberflächenspezialisten von Seiler: Heuer Lorbeer poliert – faszinierend.
www.seiler-pianos.de - Steinberg: Neues Werk in Tschechien
- Die 125 Jahre alte Klavierfabrik aus Eisenberg wagt nach der gelungenen Neuausrichtung einen großen Schritt: Mit der Errichtung einer weiteren Produktionsstätte in Tschechien will man dort akustische Anlagen fertigen. Durch die niedrigeren Lohn und Sozialkosten und die hohe handwerkliche Geschicklichkeit in Böhmen wird Wilh. Steinberg auch in Zukunft zu den günstigen Anbietern von deutschen Qualitätsklavieren gehören.
www.wilh-steinberg.com - Steinway & Sons
- Nicht anwesend.
- Yamaha: Modellpflege in der Rezession
- Die Großen trifft es am härtesten. Yamaha leidet unter der schwächeren Nachfrage aufgrund der weltweiten Rezession mehr als andere. Purzelbäume in Sachen Produktinnovation sind daher nicht angesagt. Man pflegt die Palette und erweitert bei vielen Modellen die Oberflächenangebote. Beispielsweise bekommt man das in England gefertigte P-112N nun auch in einer eleganten Erlen-Oberfläche.
www.yamaha.de
Bruno Weinberger
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