- In Schönheit sterben -
Tradition oder Fortschritt im Klavierbau? - Zum 10-jährigen Jubiläum des »Weinberger« kommen, wie bei jedem Jubiläum, reflexartig grundsätzlichphilosophische Gedanken zu Vorschein: hat man alles richtig gemacht, stimmt die Leitidee noch, ist man fit für die Zukunft? Für den »Weinberger« ist die Antwort schnell gegeben, ja, es stimmt, macht weiter so!
Gilt das auch für die Klavierindustrie? Für die Antwort auf diese Frage benötige ich ein paar Zeilen mehr. - Der Begriff Tradition hat heutzutage einen ambivalenten Klang, seitdem die 68er mit der Schere in der Hand auf dem Marsch durch die Institutionen nach alten Zöpfen Ausschau hielten. Auch das Wort am anderen Ende der Skala, der Fortschritt, hat an Strahlkraft eingebüßt, spätestens nachdem der Reaktor in Tschernobyl zu strahlen begann. Dennoch drückt dieses Begriffspaar etwas ganz Zentrales allen menschlichen Handelns aus mit der pragmatischen Frage, was bewahren wir und was verwerfen wir in der Zukunft. Diese Frage wird in allen Bereichen des Lebens gestellt, natürlich auch in der Industrie. Obwohl zum Beispiel die heutigen Autos absolut nichts mehr mit den ersten Knatterkisten zu tun haben, beruft man sich gerne auf die Vergangenheit, um dem langweiligen Massenprodukt von heute etwas Flair und Charakter der glorreichen Vergangenheit zu verpassen.
Natürlich durchschauen wir aufgeklärten Konsumenten diese plumpen Manöver der Werbestrategen sofort, aber irgendwie bleibt mitunter ein Körnchen hängen. Schmeckt nicht doch das Bier einer Brauerei, deren Gerstensaft schon durch die durstigen Kehlen der alten Rittersleut’ floss, ein klein wenig besser als das Dosenbier einer Billigmarkt-Kette? Vielleicht ommen sogar beide aus demselben Kessel, aber das wollen wir ja nicht wirklich wissen, oder? Dennoch wäre es falsch, jeden Hinweis auf die Tradition eines Unternehmens oder eines Produktes pauschal als hohlen Werbespruch entlarven zu wollen, manchmal steckt doch mehr dahinter. Zum Beispiel beim Klavier!
In kaum einem Industriezweig gibt es so viele Unternehmen mit einer Tradition, die bis zu den Anfängen des Produktes reicht, wie in der Klavierindustrie. 100-, 150- oder 200-jährige Jubiläen wurden bereits gefeiert und in Festreden und Hochglanzprospekten verklärt.
Ist das für ein Unternehmen im Zeitalter der Globalisierung wirklich ein Segen oder eher eine Last? Tatsächlich scheint bei dieser Betrachtung ein Dilemma deutlich zu werden: wenn man ein Klavier oder einen Flügel maschinengerecht verstümmelt und konsequent an die heutigen Technologie- und Materialstandards anpasst, koppelt man sich von der Tradition ab. Wenn man aber unverdrossen weiterhin mit Hautleimkocher und dem Stechbeitel hantiert, ist man auf Dauer nicht konkurrenzfähig und zieht sich in eine kleine Marktnische, um in Schönheit zu sterben.
Das ist jedenfalls die Meinung mancher Außenstehender, aber in Wirklichkeit besteht dieses Dilemma überhaupt nicht. Beim Klavierbau hat die Bewahrung von Traditionen nämlich ganz praktische Gründe. Zum einen hat sich das Klangideal in den vergangenen Jahrzehnten kaum verändert, trotz des stetigen Wandels der Musikkultur und des Zeitgeschmacks. Zum anderen gibt es keine vernünftige alternative Methode, diesen Klang zu erzeugen, der Millionen von Menschen nach wie vor fasziniert. Hinzu kommt, dass die heutigen Klaviere und Flügel das Ergebnis einer endlosen Kette von kleinen Verbesserungen durch ungezählte Tüftler sind. Wir wissen heute ziemlich genau, wie sich eine Klaviatur, ein Hammerkopf oder eine Saite im Verlauf von Jahrzehnten abnutzt und was zu tun ist, diesen Prozess zu verlängern. Um beurteilen zu können, wie sich die Geometrie eines gewölbten Resonanzbodens unter dem Druck der Saiten langsam verändert, müsste ich meine Enkel oder gar Urenkel befragen.
Gottlob haben bereits meine Vorfahren Klaviere gebaut, so dass jede Generation auf dem Werk der Väter aufbauen konnte. Natürlich hat so eine, im wahren Sinne des Wortes, vorsichtige Vorgehensweise auch ihre Nachteile, denn radikale neue Lösungen sind nicht die Sache der Klavierbauer. Plastik-Mechaniken, GFKKlangkörper oder Stimmstöcke aus Delrin traut sich zum Glück kaum jemand zu verwenden, eben weil wir nicht wissen, wie solche Objekte altern. Unsere Kunden sind uns für solche Experimente zu schade. Auch ob das Digitalpiano eine bedeutende Spur in der Musikgeschichte
hinterlassen wird, ist zweifelhaft. Dafür gibt es schon heute, kaum 20 Jahre nach dessen Erfindung, eine detaillierte EUElektronikschrott- Verordnung, die sich ausdrücklich auch auf diese Instrumente bezieht.
So sind wir Klavierbauer eher eine Spezies von Bewahrern, nicht aus Nostalgie, sondern weil das zu Bewahrende einfach unverschämt gut ist. Aber immerhin bohren wir heute den Stimmstock mit modernster CNC-Technologie, obwohl der gute muskelbetriebene Spindelbohrer mit »Geigenbogen« sich nach Meinung der Alten nicht so brutal über den natürlichen Faserverlauf des Holzes hinweggesetzt hat. Der Fortschritt fordert eben seinen Preis …
Herzlichst
Ihr
C. Ulrich Sauter
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