Musikmagazin
Hat Ihr Klavier Rheuma?
Klaviatur und Mechanik sind bei den meisten Klavierspielern, auch den anspruchsvollen, nur zweit- oder drittrangig. Zu Unrecht, wie viele Untersuchungen und Gespräche mit Klavierbauern und Pianisten ergeben haben.
Dr. Georg Pfeiffer, Klavierbauer und geschäfsführender Gesellschafter der Klavier- & Flügelfabrik Carl A. Pfeiffer
Spielgefühl vor Klang
Das Spielwerk, also die Klaviatur und Mechanik sind sogar noch wichtiger als der Klang. Durch eine zu schwere oder zu leichte Spielart kann man beim besten Klang die Freude verlieren. Erst wenn ein Ton nicht mehr funktioniert, wird dem Spieler bewusst, wie wichtig dieses komplizierte Hebelwerk ist. Durch eine gut gebautes und ein gut gewartetes Spielwerk ist ein problemloses Zusammenspiel zwischen tausenden Teilen aus Filz, Leder, Metall und Holz möglich. Wenn nun hier von Rheuma am Klavier gesprochen wird, dann aus dem Grund, weil die Klaviatur die verlängerten Finger bzw. den Arm darstellen. Jeder kann sich vorstellen, wie viel Freude das Klavierspielen mit Gelenkschmerzen macht.
Zwei grundsätzliche Probleme möchte ich ansprechen. Einmal die zu wartende Klaviatur bzw. Mechanik und zweitens der optimale Einbau dieses Hebewerks. Die Klaviatur hat Reibungspunkte, die je nach Spielweise und -dauer zwischen 5 und 10 Jahren wieder instand zusetzen sind. Je nach Konstruktion des Klaviers tritt di es früher oder später ein. Eine ausgespielte Klaviatur kann problemlos durch den Klavierbauer gerichtet werden. Das Instrument verbleibt beim Kunden, die Klaviatur richtet er in der Werkstatt.
Ohne Reibung läuft’s am Besten
Der zweite Fall ist schon etwas diffiziler. Wie testet man nun, ob die Spielart am Klavier gut oder schlecht ist? Bei diesem Punkt k ommen auch die Wünsche des Spielers zum Tragen. Der eine möchte es gerne griffig und fest, der andere eher leichtgängig und sensibel. Dies kann von den Spitzenherstellern in der Fertigung berücksichtigt werden.
Was aber viele Klavierspieler oft außer Acht lassen, ist die Reibung.
Ohne dies durch Ausbau und Prüfgeräte zu messen, gibt es eine einfache Möglichkeit, dies zu prüfen. Man spielt Pianissimo, aber so leise wie möglich und hört zuerst auf seine Finger. Wenn dies kontrolliert, sensibel und gut funktioniert, ist die Reibung gering. Wenn man dazu auch das rechte Pedal drückt, dann kann man gleichzeitig das Ausschwingverhalten und die Effizienz der Klanganlage prüfen. Hat man aber das Gefühl das Ganze läuft zäh, schwer und ungleichmäßig, ist das Klavier nicht gut gebaut oder die Regulation des Spielwerks ist nicht optimal eingestellt. Den besten Überblick erhält man, wenn man verschiedene Klaviere von allen wichtigen Marken probiert und dies ohne Ansehen des Fabrikats, des Preises und der Bauhöhe. Sie werden höchst Unterschiedliches feststellen. Je geringer die Reibung ist, umso geringer ist der Verschleiß. (Schon 5 km Autofahrt kann eine angezogene Handbremse ruinieren. Dies ist jedem Autofahrer klar.) Um abschließend auf das Thema Rheuma zurück zu kommen – würden Sie bei einer Hüft- oder Knieoperation ein ausgespieltes oder mit Kalkablagerungen versehenes Ersatzteil einbauen lassen? Sicherlich nicht!
Dr. Georg Pfeiffer
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