Musikmagazin
Vom Geist, dem Zeitgeist und von Plagegeistern
Wussten Sie, dass etwa die Hälfte aller in der Welt hergestellten Klaviere und Flügel aus Fabriken kommen, die erst vor 10 oder 20 Jahren gegründet wurden? Allein in China schossen die Klavierfabriken ab den 90er Jahren wie Pilze aus dem Boden, gleichzeitig entstanden aber auch große Konkurrenzfabriken in Indonesien, Malaysia und anderen südostasiatischen Staaten. Das mag in der Industriewelt völlig normal und auch vorteilhaft sein, denn in neuen Fertigungsstätten kann man sozusagen bei Null anfangen und muss sich nicht mit veralteten technischen Strukturen herumschlagen. Allerdings fangen auch die Mitarbeiter bei Null an und das kann besonders im Klavierbau schon ein Problem sein.
Individualität versus Uniformität. Wir haben die Wahl.
Individuell wie ein CNC Maschine
Klaviere und Flügel sind eigentlich lebende Relikte aus einer vorindustriellen Welt und deshalb für eine Massenproduktion nicht so recht geeignet. Natürlich kann man die benötigten Bestandteile ruck-zuck und mit großer Präzision auf CNC-Bearbeitungszenten herstellen, dann hat man erst einen ansehnlichen Haufen von Ersatzteilen, aber noch lange kein Klavier. Heute verfügen auch die ältesten Klavierfabrikanten über solche Maschinen und detaillierte Produktions-Schemata, aber bei vielen wichtigen Arbeitsgängen, besonders bei der Klangformung, aber auch in anderen Bereichen, besteht eine Bandbreite von möglichen Vorgehensweisen. Nur der erfahrene Fachmann versteht es, diese kreativ zu nutzen. So wird, etwas altmodisch ausgedrückt, jedem guten Klavier oder Flügel ein unverwechselbarer Geist eingehaucht. Dieser fehlt bei standardisierten Massenprodukten allermeistens, was nicht bedeutet, dass das nun alles schlechte Instrumente wären, aber man vermisst einfach das "gewisse Etwas"!

Auch in nur 10 oder 20 Jahren kann eine Industrie gute Fachleute ausbilden, gleich wo immer in der Welt die Fabriken stehen. Die gibt es natürlich und ich hatte im Rahmen meiner Verbandsarbeit viele bestens ausgebildete und begeisterte Klavierbauer aus Asien kennen gelernt. Auch haben etliche anerkannte Klavierbauer aus dem Westen die asiatischen Hersteller intensiv beraten und auch Konstruktionen für sie entwickelt. Alles in allem wurden dadurch deren Produkte nicht wirklich besser, jedenfalls was den Klang und die Ausdruckskraft anbetrifft.
Masse statt Klasse = billiger und sooo geil
Das Problem ist vielmehr die Philosophie der Massenproduktion mit dem Ziel, billiger zu sein als die anderen. Dazu wird der Herstellungsprozess in so kleine Einheiten aufgeteilt, dass jedem Arbeiter nur noch wenige Handgriffe übrig bleiben, die jeder schnell erlernen kann. Das funktioniert bei technischen Produkten wie Fernseher oder Computer tadellos, aber beim Klavier geht dabei der Blick auf das Ganze verloren und der individuelle Geist muss draußen bleiben. Der Zeitgeist verlangt halt nach Schnäppchen, Geiz ist geil und da scheinen sich gute und teure Produkte schwer zu tun.

Betriebswirtschaftlich betrachtet ist diese Denkweise durchaus vernünftig und Klaviere und Flügel sind deshalb erschwinglicher denn je. Westliche Familien können sich heute ein Klavier für gerade mal einen Monatsgehalt gönnen, im Jahr 1960 waren es noch gute sechs bis sieben. Die Arbeiter in den Klavierfabriken im Reich der Mitte müssen dagegen mehrere Jahre dafür arbeiten, um sich ein Produkt ihrer Firma leisten zu können, aber das sei hier nur am Rande erwähnt.
Standhaft – auch unter Folter
Es ist klar, dass die großen Neulinge unserer Zunft keine Zeit für jahrzehntelange Entwicklungsarbeit hatten, man nahm sich einfach Instrumente namhafter traditioneller Hersteller vor und verfuhr nach dem Motto: der kluge Mann baut nach! Dieses Treiben aber können wir "Alten" ganz gelassen hinnehmen, denn ganz gleich, in wie viele Einzelteile unsere armen Klaviere oder Flügel zerlegt wurden, sie gaben auch unter dieser Folter nicht alle Geheimnisse preis. Viele entscheidende Informationen sind am fertigen Instrument nicht mehr sicht- oder messbar. Lästiger ist da schon, dass der chinesische Kopierdrang sich auch auf die äußere Gestaltung der Instrumente erstreckt und dazu genügt schon ein Prospekt oder ein Bild aus dem Internet. Sogar unsere Bundeskanzlerin hat sich neulich in China über die umfangreiche Produktpiraterie beklagt, wir werden sehen, ob es etwas genützt hat.
Der wehrhafte Pianoforte
Trotz alledem, um ein gutes Klavier oder einen guten Flügel zu bauen, braucht man erstens den Willen, das zu tun und zweitens den Mut, den dafür erforderlichen Preis zu verlangen. Unsere japanischen Kollegen haben gezeigt, dass sie ganz hervorragende Flügel bauen können, aber die sind schon lange nicht mehr zum Schnäppchenpreis zu haben! Unser gutes altes Pianoforte wehrt sich eben ganz erfolgreich, zum standardisierten Massenprodukt zu werden, aber genau das macht es so faszinierend und liebenswert!

Herzlichst

Ihr

C. Ulrich Sauter
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