- Klavierkauf heute - Hauptsache billig?
- Im deutschen Musikfachhandel herrscht in diesen Tagen eine aufgewühlte Stimmung und bei den Verbänden glühen die Telefonleitungen. Der Grund: die Billigmarkt-Kette Norma bietet bundesweit Musikinstrumente zu unglaublich günstigen Preisen an, darunter auch ein Klavier mit allem Zubehör für € 1.999.
- Darüber hinaus gibt es Gerüchte, dass Erzrivale Lidl bald mit einem Klavier für unter € 1.500 pariert. Für manche Schwarzseher ist damit das sichere Ende des traditionellen Klavierfachhandels eingeläutet, der böse Feind steht schon vor der Tür und ist bereit, die Festung zu schleifen...
Ich finde diese Entwicklung sehr interessant und denke, dass es Anlass genug gibt, einige Betrachtungen anzustellen. In der Vergangenheit gab es zwar schon Versuche von Teilen der Klavierindustrie, neue Vertriebswege zu erproben, doch der Erfolg ist eher zweifelhaft. Heute aber haben sich die Rahmenbedingungen für solche Unterfangen geändert und wir sollten uns auf künftige Überraschungen einstellen. Musikinstrumente befinden sich in Billigmärkten in guter Gesellschaft neben Computern, Flachbildschirmen, Flugtickets und Bordeaux-Weinen, alles zu Tiefstpreisen, das sieht doch sehr Verbraucher freundlich aus!
- Klaviere im Dreierpack bald noch billiger?
- Ist es aber nicht, jedenfalls nicht auf lange Sicht. Natürlich erwartet jeder Käufer den allerbesten Gegenwert für sein sauer verdientes Geld, aber das ist nur eine kleine Facette des komplexen Konsum-Geschehens und noch nicht einmal die wichtigste. Gelernte DDR-Bürger wissen, was es bedeutet, genügend Geld zu haben, aber keine begehrenswerten Produkte in den Regalen zu finden, das andere Extrem erleben die Bürger von Entwicklungsländern, die zwar von den schönsten Produkten angelächelt werden, es aber am nötigen Kleingeld fehlt. Dagegen ist in unserem satten Mitteleuropa beides vorhanden, Geld und Produkte im Überfluss, allein, es herrscht träge Langeweile statt kreativer Kauflust. Es scheint, dass nur immer extremere Schnäppchen zum Kauf anregen. Ein Akkuschrauber für € 9,99? Schnee von gestern, heute kauft man ein 3er-Set von Geräten im Koffer zum selben Preis.
- Keine Vielfalt ohne Fachgeschäfte
- Ich will jetzt gar nicht die sozialen Folgen der Globalisierung geißeln, mir geht es vielmehr um das Prinzip der Verteilung von Waren, das auf diese Weise in Frage gestellt wird. Wir sehen Produkte, die uns gefallen und faszinieren, so entstehen Wünsche und am Ende nähren wir einen funktionierenden Wirtschaftskreislauf, von dem wir alle leben. Aber wo sehen wir seltene und besondere Dinge, die ganze bunte Vielfalt? Im Billigmarkt? Sicher nicht, aber in ungezählten Fachgeschäften in unserer Nähe, wo wir die Dinge anschauen, probieren, erleben und uns inspirieren lassen können! Selbst wenn wir jeden Morgen 25 Werbeblätter im Briefkasten vorfänden und alle Fernsehkanäle täglich 24 Stunden lang Werbung ausstrahlten, würden wir doch nur einen verschwindend kleinen Ausschnitt der gesamten Warenvielfalt kennen lernen, eben nur das, was irgendwie alle kaufen. Aldi und Co. werden bestimmt jedes Risiko sorgfältig ausgeschlossen haben, bevor sie ganze LKW-Flotten mit Standardware beladen und aussenden!
- Langweilige Massenprodukte – nein Danke!
- Wir hätten wahrscheinlich niemals unsere besonderen Lieblingsklarinettenblättchen des kleinen südfranzösischen Familienbetriebes entdeckt, den phantastischen Bildband über die Honigjäger in Papua Neu Guinea ergattert oder unser Herzensklavier mit dem besonderen Klang gefunden, wenn da nicht ein passionierter Einzelhändler wäre, der solche Kostbarkeiten für uns mit Sachverstand zusammenträgt und dann auch noch so lange in seinem Laden sitzt und wartet, bis wir kommen, "whow" sagen und es kaufen. Ich habe gar nichts gegen das Norma-Klavier, es wird sicher vielen Familien helfen, ihren Kindern das Klavierspielen zu ermöglichen, aber wie öde wäre unser Leben, wenn es nur noch solche Einheitsprodukte gäbe! Für Langeweile ist unser gutes Geld viel zu schade, ganz gleich, wie billig wir sie einkaufen!
Herzlichst
Ihr
C. Ulrich Sauter

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