- Mr. „Take Five“ Dave Brubeck auch mit 85 nicht konzertmüde
Europatournee mit Geburtstagsfeier in London
- Wenn Dave Brubeck auf “seine“ Komposition „Take Five“ angesprochen wird, dann übergeht der den Fauxpas mit einem eloquenten Lächeln. Der Gentleman der Jazz-Welt hat es sicher satt, immer wieder zu betonen, dass der Titel von Paul Desmond geschrieben wurde. Wo aber wäre „Take Five“ ohne Dave Brubeck geblieben?
- Nur ein paar Tage nach seinem Auftritt im Großen Saal des Wiener Konzerthauses feierte der in Kalifornien geborene Dave Brubeck am 6. November seinen - 85. Geburtstag. Wenn der in Amerika so gern verwendete Ausdruck der "living legend" wirklich einmal zutreffen sollte, dann bei diesem Ausnahmemusiker.
Seine Mutter war Pianistin und spielte in der Schwangerschaft besonders viel. Es scheint sich gelohnt zu haben. Schon im zarten Alter von vier Jahren bekam der kleine Dave Klavierunterricht. Neben dem Klavier studierte Brubeck Polyphonie und Polyrhytmik bei Darius Milhaud. Im 2. Weltkrieg war er Kapellmeister eines Militärorchesters.
Dass Jazz von den Nationalsozialisten verboten wurde, wundert ihn nicht. "Jazz ist Freiheit in den Grenzen von Disziplin", erklärt er. "Eine Diktatur wie die Sowjetunion oder das NAZI Deutschland wird normalerweise verhindern, dass Jazz gespielt wird, weil er Freiheit und Demokratie repräsentiert. Viele verstehen nicht, wie diszipliniert man sein muss, um Jazz zu spielen - und das ist in der Tat der Grundgedanke der Demokratie: Freiheit innerhalb der Verfassung oder Disziplin."
Neben seiner Laufbahn als Jazzmusiker entwickelte sich Brubeck zu einem angesehenen Komponisten klassischer und sakraler Musik. Erst vor kürzlich vollendete er die Chor-Fuge "Die Gebote", deren erste Skizzen er als von den eigenen Linien abgeschnittener Soldat während der deutschen Ardennenoffensive entwarf. "Ich wusste, dass ich über religiöse Themen schreiben wollte, als ich Soldat im Zweiten Weltkrieg war", erklärt Brubeck, der zum Katholizismus konvertierte. "Ich sah und erlebte so viel Gewalt, dass ich dachte, ich muss meine Empörung in Musik ausdrücken. Es ist eine Situation wie in den Ardennen, in der man wirklich darüber nachdenkt, was Gott uns versuchte zu sagen... Ich schrieb schließlich `Die Gebote`, wissend, dass in jedem Krieg die meisten Gebote gebrochen werden."
Dave Brubeck hat auf seiner Geburtstags-Tournee seine Gattin mit dabei.- Cool-Jazz
- Brubeck ist einer der wichtigsten Vertreter des Cool-Jazz - einer Stilrichtung, mit außergewöhnlichem Rhythmus und dicht geführte Stimmen. Das Dave Brubeck Quartett schreibt seit den 50er Jahren Jazz Geschichte. Mit „Take Five“, dem ersten Tune der Musikgeschichte mit konsequenter Anwendung des 5/4 Taktes wurden Paul Desmond und Dave Brubeck zur Legende. Jedes Kind pfeift heute diese Melodie.
Dave Brubeck ist seit den frühen 50ern in allen führenden Jazz-Clubs der Welt aufzutreten, u. a. mit Charlie Parker, Dizzy Gillespie und Stan Getz. Sein gemeinsames Konzert mit dem New York Philharmonic und Leonard Bernstein 1959 war ein Meilenstein in seiner Karriere. Dave Brubeck ist seit John F. Kennedy vor allen amerikanischen Präsidenten aufgetreten.
- Live in Hörsching
- Am 18. November 2005 konnte man den Altmeister des "Cool Jazz" Dave Brubeck im Kulturzentrum Hörsching live erleben.
Was für eine großartige, dichte Atmosphäre im Saal, was für eine begeisterte Erwartungshaltung bei den Konzertbesuchern: Auch mit 85 Jahren ist Jazzlegende Dave Brubeck ein einfallsreicher, gewitzter Könner am Klavier, fasziniert sein Publikum durch sein unverwechselbares Spiel: Was er anfasst, geht unter die Haut, selbst scheinbar harmlose Musik.
Bei seinen Konzerten beginnt Brubeck meist mit einem ausgedehnten, kunstvollen Piano-Solo Vorspiel. Er sinniert ganz leise vor sich hin, gedankenverloren - so, als wolle er zunächst einmal den Rahmen geben für die Geschichte, die er gleich erzählen wird. Dann wird er drängender, intensiver, wechselt zwischen den Rhythmen, verwischt dabei die Konturen zwischen Klassik und Jazz.
Dann erst setzt sein Ensemble ein: Bobby Militello am geschmeidigem Altsaxofon, mit geschwungenen Linien, die er manchmal wie beiläufig hintupft und die Bassist Michael Moore wunderbar abfängt. Äußerst grazil, geradezu katzenhaft bewegt dieser seine Töne auf dem Griffbrett, gezupft oder mit dem Bogen. Man hört fugenartige Dialoge, aus denen Bach hindurchscheint, und dann plötzlich schraubt sich alles in tobenden Rhythmen nach vorne - hier bestaunt man vor allem Randy Jones am Schlagzeug - alles rotiert wild, der Klang wird extrem. Bescheiden, fast demütig nimmt Dave Brubeck den überwältigenden Jubel entgegen, streut zwischendurch trocken-witzige Conferencen ins Programm ein, erzählt nette Geschichten zu seiner Musik.
Er pointiert scharf, und er spielt mit einem Lausbuben-Grinsen, verfällt dann zwischendurch in einen sehr sentimentalen Ton - eine wundervolle Elegie, nun mit Bobby Militello als Flötisten: weiche, luftige Töne schwingen hier an, und Brubeck dosiert das Klavier darunter sparsam, aber wirkungsvoll. Hier passiert im Grunde wenig, aber was passiert, das fesselt.
Als Brubeck spät in der Nacht ganz leise ein zauberhaftes Intro von Take Five anstimmt, fällt der Groschen bei den Konzertbesuchern wie beim Domino-Day – erst als alle vier dann in den Welt-Hit "Take Five" einsetzen, bricht der Jubel in die ersten Töne des unverkennbaren Piano-Rhythmus hinein, und dann hält es keinen mehr auf dem Sitz: Das Publikum applaudiert teilweise im Stehen, verneigt sich vor dem großen Künstler. Als das Publikum nach dem Abgang der Künstler nicht locker lässt, kommt das Quartett noch mal auf die Bühne. Schon mit dem Mantel bekleidet spielt Brubeck seinen Fans noch ein feines „Guten Abend – gute Nacht“.
Das Dave Brubeck Quartet bescherte zwei Stunden lang Raffinesse, Virtuosität und Stimmungszauber.
Die Tournee führt Dave Brubeck und sein Quartett durch sechs Länder. Bei den 17 Konzerten wird er teilweise von Kammer- und Symphonieorchestern begleitet. Emotionaler Höhepunkt dürfte das Konzert im Londoner Barbican Centre am 6. Dezember werden, bei dem neben seinem Quartett das Londoner Symphonieorchester und vier seiner Söhne auftreten werden. Sie wollen ihrem Vater ein besonderes Geburtstagsständchen bringen: "From All of Us."
Vor dem Konzert in Hörsching bekamen wir vor dem Abendessen trotz Jet-Leg ein kurzes Interview mit Dave Brubeck. Bitte sehr:
- Das Interview
- Bruno Weinberger: Ihre neue CD trägt den Titel „London Flat, London Sharp“. Wie meinen Sie das?
Dave Brubeck: Es ist das, was es sagt. Mit der linken Hand gehe ich chromatisch nach unten, in flats. Mit der rechten hand gehe ich nach oben. Nicht immer komplett und immer in sharps, aber annähernd. Deshalb heißt die CD so.
Bruno Weinberger: Bei unserem letzten Interview vor sieben Jahren erzählten Sie mir, dass Sie in USA ein „Baldwin Artist“ sind. In Europa gibt es keine Baldwin Pianos. Wenn Sie also bei uns auf Tour sind, über welchen Flügel freuen Sie sich besonders?
Dave Brubeck: Die Bösendorfer finde ich großartig – wenn sie nicht diese Zusatztasten im Bass haben. Ich komme damit nicht zurecht und frage mich beim Spielen – wo bin ich denn jetzt? Allerdings habe ich mich über die Jahre etwas daran gewöhnt. Trotzdem bin ich froh, dass der neue Bösendorfer 280, den ich heute Abend spiele, keine zusätzlichen Tasten hat. Ich mag aber auch sehr gerne die Hamburger Steinways.
Bruno Weinberger: Empfinden Sie einen Unterschied zwischen den deutschen und amerikanischen Steinways?
Dave Brubeck: Ich denke schon. Allerdings kommt es vor, dass man auf einem mittelmäßigen Steinway spielt und am nächsten Tag auf einem tollen Flügel, der aber unbekannt ist. Wie ein Flügel gewartet wird, ist also sehr wichtig. Mein erster Baldwin Flügel wurde, bevor ich ihn bekommen habe, zwei mal täglich gestimmt. Es war ein Mietflügel, der in der Symphonie stand und ständig herumgeschoben wurde. Ich glaube, dass der Flügel auch deshalb so gut geworden ist. Ich haben den Flügel noch immer obwohl ich ihn in den 50er Jahren bekommen habe. Ich liebe meinen Flügel.
Bruno Weinberger: Wie groß ist Ihr Flügel?
Dave Brubeck: Es ist ein 9 Fuß Flügel (lacht)
Bruno Weinberger: Vielen Dank fürs Gespräch. Wir wünschen Ihnen eine erfolgreiche Tour und alles Gute zum Geburtstag!
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